22. Juni 2012

Wolke, küss mich


Einer dieser Tage, an denen das Wetter letztlich doch ganz anders aussieht als angesagt. Wie so oft in diesem Jahr. Oder liegt es vielleicht nur ein meiner Wahrnehmung? Fragen wie diese lassen sich nicht wirklich abschließend beantworten.
Jedenfalls genieße ich das Privileg an einem Freitag zu fliegen, unbelastet durch die ganz triebgesteuerten Sonntagsflieger. Mittlerweile meide ich Sonn- und Feiertage, wenn immer das möglich ist. Es macht mir Spaß, nach relativ langer Zeit, meinen Flieger mal wieder aufzubauen (das Wort „aufrüsten“, wie in Segelfliegerkreise üblich, zeigt nur deren Hang zum Paramilitärischen, ich vermeide den Begriff lieber...). Es ist recht windig, von Westen, dass war mir schon klar, als ich die flatternden Fahnen im Industriegebiet sah. Dennoch: ich will fliegen. Und mit diesem Wollen beginnt ja bekanntlich alles.
Nach dem problemlosen Start – der Motor schnurrt wieder sehr zuverlässig – suche ich mir recht schnell eine hilfsbereite Wolke, fahre den Motor ein und finde mich gleich in einem grandiosen Lift. Thermik scheint es zu geben, nur die Wolken fehlen. Ich sehe einige im Nordschwarzwald, doch bis dorthin ist es noch weit.
Am Ostrand des Schwarzwaldes taste ich mich voran, immer auf der Hut, nicht wirklich tief zu kommen, bei Blauthermik macht das nicht wirklich Spaß. Doch das Vorankommen erweist sich als angenehmer und leichter als gedacht. Einerseits, weil mein Apis 2 auch in turbulenter Luft brettgerade und ruhig fliegt. Das weiß ich inzwischen immer mehr zu schätzen. Andererseits, weil die Thermik fast immer da ist, wo ich sie erwarte.
Nur die Wolken ärgern mich. Immer wenn ich gerade denke, ich könnte die nächste, die im Norden steht, erwischen, hat die sich längst aufgelöst, wenn ich ankomme. So muss ich mich im Blauen weiter vorantasten. Ich fliege heute das erste Mal mit meinem neuen isolierten Trinkbeutel, erschrecke aber, als aus dem Mundstück kein Wasser kommt. Als ich mir vorstelle, mehrere Stunden bei dieser Hitze und blauem Himmel zu fliegen, ohne etwas trinken zu können, wird mir ganz anders. Irgendwann, beim dritten oder vierten Versuch, merke ich, dass es einen Unterschied macht, wie ich das Mundstück in den Mund nehme, um daran zu ziehen. Irgendwie hat mich wohl mein Reptilienhirn doch zum Erfolg gebracht und einen alten Saugreflex aktiviert.
Das Fliegen wird immer angenehmer, schon bald bin am Ende des Schwarzwaldes und kehre um. Immer wieder sind die Wolken gerade dann weg, wenn ich sie schon greifbar nahe sehe. So kommt mir der ganze Flug vor, wie die Sehnsucht nach einem Kuss, der dann doch immer wieder, kurz vor der Berührung der Münder, entzogen wird. Aber auch das kann ja bekanntlich lustvoll sein.
Am frühen Abend bin ich dann wieder in Donaueschingen zurück, lande und verpacke meinen Apis 2 für den nächsten Tag, der Wille, noch einen Tag lang zu fliegen ist erwacht, die Zeit soll nun genutzt werden.

2. Juni 2012

Licht und Schatten


Das Thema des heutigen Fluges zu finden, fiel mir nicht schwer. Mal flog ich unter dunkeln Wolken, einige hatten sich zu einer Ahnung von Wolkenstraßen zusammengefunden. Dann wieder riss die Abschirmung auf und schlagartig wurde es heller um mich, das Wolkenbild änderte sich, indem einzelne große Wolken neu entstanden, mit scharfer Unterkante, so, wie Segelflieger es lieben.
Der Flug war eigentlich nicht geplant. Und meist sind das die schönsten Flüge. Jedenfalls entspricht es der Philosophie des freien Fluges viel mehr, als das Abspulen durchgestylter Streckenverläufe. Heute startete ich in Mengen, nachdem einige Kleinigkeiten am Apis 2 repariert worden waren. Es war schon spät, fast Nachmittag, alle Eigenstarter waren während der Reparatur über mich hinweg gebraust. Einige Schmuckstücke darunter.
Mir war für heute nur wichtig, dass der Motor wieder gut lief, der Start war klasse, keine Probleme. Ich war wieder zufrieden mit mir und der Welt. Immer wieder wundere ich mich darüber, wie sehr Stimmungen doch vom Zustand des Flugzeuges und noch viel mehr vom Wetter des Tages abhängen können. Herrschaft gutes, d.h. fliegbares Wetter, das Flugzeug ist aber nicht einsatzbereit (was vorkommen kann), dann wird die Segelfliegerseele gequält.
Nach dem Flug, der weitgehend ohne besondere Höhepunkte verlief, was in diesem Fall aber als ein Qualitätsmerkmal zu verstehen ist, rollte ich an der Wezel-Halle aus und schob den Flieger über das frisch gemähte Gras zu meinem offenen Hänger. Es ist schön, wie einfach das geht, ohne mich zu plagen. Dann gönne ich mir ein Ritual, dass ich lange vergessen hatte, mir aber unglaublich gut tut. Ich stelle mein Auto neben den Flieger, drehe das Radio laut auf und schlürfe an dem Cappuccino, den ich mir zwischenzeitlich in der Flughafenkneipe besorgt habe. Langsam, ganz langsam baue ich Batterie und Geräte aus, sprühe das Leitwerk mit Kaltreiniger ein, lassen ihn einwirken. Ich arbeite ohne innere Stoppuhr, muss niemandem beweisen, wie schnell und effizient ich abrüsten kann. Ich ziehe mir das T-Shirt aus, da die Sonne noch warm ist, aber nicht mehr brennt. Gemächlich und gründlich wasche ich dann das Leitwerk und die Flächen. Es geht nicht allein um die Sauberkeit, es geht darum, dass frische Wasser zu riechen, das Gras, das meditative Abledern der Flächen. Alles Bewegungen, die sich seit vielen, vielen Jahren auf so vielen Flugplätzen vollzogen haben und die ebenso zum Fliegen gehören wie das Fliegen selbst. Sie gehören zum Gefühl, Teil dessen zu sein, was wir verkürzt „Segelfliegen“ nennen. Zusammen mit anderen herumstehen und über die geflogenen Strecken zu reden, zu prahlen oder Ähnliches, ist für mich nicht mehr Teil des Ganzen. Daher bin ich froh, den Apis 2 zu haben, der mich davon befreit. Ich kann es tun, muss es aber nicht. Darin liegt der Unterschied.
Später, nachdem ich das Ritual beendet habe und den Flieger alleine abgerüstet habe, sitze ich am nahegelegenen See und trinke ein alkoholfreies Bier. Ich muss schließlich noch nach Hause fahren und außerdem tut mir der Alkohol nicht gut, er steigt mir nach einem Flug zu schnell in den Kopf.
Ich rechne: 13 Stunden werde ich heute unterwegs gewesen sein, davon bin ich knapp 4 Stunden geflogen. Vor 20 Jahren wäre ich an einem solchen Tag komplett aus dem Häuschen gewesen, damals lag die durchschnittliche Flugdauer im Verein im Bereich von Minuten. Heute hört sich das nach einem eher schlechten Wirkungsgrad an. Aber wer rechnet schon gerne so? Niemand, wenn man es genau nimmt. Wir neigen alle zum Selbstbetrug und wahrscheinlich ist das auch gut so. Am Ende bleiben immer die Flüge und damit mit Flugstunden im Gedächtnis, nicht die Fahrtzeit, die Reparaturzeit, die Herumstehzeit oder sonstige Kontextzeiten. Es kommt einfach nur darauf an, ob es das Ganze wert war. Am Ende bleibt immer das Licht, nie der Schatten.

30. Mai 2012

Nachdrehen


Nachdem das Gewitter durchgezogen war, stieg ich auf mein Rad und fuhr die kleine Runde am Stausee vorbei. Nicht sehr sportlich, aber immerhin. Ein paar Tage vorher wanderten meine Frau und ich zwei Tage lang durch den Schwarzwald, 1000 Höhenmeter, mindestens. Zu Fuß und mit Rucksack. In dieser Woche hatte ich fast jede Fortbewegungsart durch, vielleicht fehlte noch der Lama-Express.
Gestern entschloss ich mich sehr spät dazu, noch fliegen zu gehen. Zwischen der Entscheidung und der Tat standen dann noch zwei Stunden Fahrt nach Mengen (dort stand mein Apis 2) und das übliche Prozedere (Aufrüsten, checken usw.). Erstaunlicherweise ging das alles sehr relaxed von sich. Marion, meine Frau, war in meiner Nähe, das beruhigt mich immer.
Kurz nach 14 Uhr konnte ich dann starten. Noch vor zwei Jahren hätte ich einen Nervenzusammenbruch erlitten. Seit 10 oder 11 Uhr standen die Cumuli sauber gereiht am Himmel. Mindestens drei Stunden Flugzeit waren mir inzwischen verloren gegangen. Aber mir ging es heute nicht um schnöde OLC-Punkte. Sollten doch andere die Tabelle mit ihren ach so vergänglichen Daten füllen. Ich wollte einfach fliegen! In die Luft und genießen.
So war es dann auch. Kurz nach dem Eigenstart kurbelte ich mit noch laufendem Motor in bester Thermik. Zumindest ein Vorteil eines späten Starts. Wozu noch den Motor laufen lassen, fragte ich mich. Also aus, rein in den Kofferraum und dann los. Wohin? Natürlich Richtung Schwarzwald, meiner Wahlheimat. Die Wolkenbasis war schlicht atemberaubend, es mag gut fünf Jahre her sein, seit ich das letzte Mal eine solche Höhe (über dem Meeresspiegel) erreicht habe. Entsprechend einfach war es, selbst mit dem Leichtgewicht Apis 2, gegen den Wind nach Westen anzufliegen. Eine Wolke und ich war über Neuhausen ob Eck, die nächste katapultierte mich schon nach Donaueschingen. Ich flog darüber hinweg, weiter in den Schwarzwald hinein. Der Feldberg lag thermisch ungünstig, also steuerte ich den Kandel an, über die Linacher Staumauer, an der ich heute entlang radelte, über Furtwangen, meinen Wohnort.
Mittlerweile hatte sich eine gigantische Wolkenstraße nach Norden hin aufgebaut. Ich musste einfach dort hin. Zunächst war das kein Problem. Nur ein paar schnelle Einsitzer und Doppelsitzer kamen mir muskelbepackt entgegen. Wie gerade aus dem Fitnessstudio kommend, pumpten sie sich unter der Wolke hoch. Ich flog in die andere Richtung, nach Norden. Mit weniger Muskeln, dafür umso mehr Zuversicht.
Doch das war nicht so ideal. Dachte ich gerade noch, dass es unter dieser dunklen Wolkenstraße gewiss ziehen muss, so wurde ich kurz darauf eines Besseren belehrt, als sich die ersten Regentropfen auf meiner Scheibe sammelten. Auf den Flächen rechts und links sowieso. Das war also ein Fehler. Im Regen herrscht selten gutes Steigen. Also nichts wie raus hier, Schwarzwald adé. Ich biege ab nach Osten. Unter der dunklen Basis erkenne ich das Zementwerk bei Rottweil, immerhin könnte ich dort landen. Eine Wolke steht dort in der Nähe. Weit, weit weg. Über mir zieht 200 Meter höher ein 18 Meter-Flieger an mir vorbei, auch er will raus aus der dunklen Brühe, auch er will zu dieser rettenden Wolke. Ein Moment, in dem ich eine Art Groll verspüre. Denn der Unterschied besteht darin, dass er ein paar echte Gleitpunkte mehr hat als ich. Aber immerhin kann ich den besseren Flieger als Thermikboje nutzen. Ich komme später an und viel, viel tiefer. Aber ich weiß, wo ich steigen kann, dank meines Vorausfliegers.
Wieder über der Alb wird das Wetter immer traumhafter. Ruck Zuck bin ich dank der gigantischen Basishöhen wieder im Gleitbereich von Mengen, eigentlich total unsportlich. Also biege ich ab Richtung Bodensee. Gerade als ich überlege, wie wohl die Jets in Friedrichshafen anfliegen, sehe ich unter mir eine Maschine von German Wings, kurz darauf eine der Lufthansa über mir. Also lieber nach Norden, obwohl ich so gerne zum Säntis und zurück geflogen wäre. Mühelos steige ich, mühelos "jette" auch ich, soweit es mein UL-Segelflieger und seine Belastungsgrenzen zulässt, zwischen Riesenwolken hin- und her. Rauschhaft wirkt das Ganze, wie in Ekstase.
Irgendwann ist dieser Rausch zu Ende, lange nach 19 Uhr lande ich dann. Ich freue mich auf die Wärme des Vorsommers, einen Abend am See mit meiner Frau. Das Waschen des Fliegers ist mein liebstes, mein heiligstes Ritual nach einem solchen Flug.
Spät nachts kommen wir zu Hause an, ich dusche und falle müde ins Bett. Aber dieser Tag, dieser Flug endet noch nicht. Es sind Flüge wie dieser, die noch lange weitergehen. Ich fliege weiter im Kopf, kann nicht anders, die Bilder tauchen immer wieder auf, die Eindrücke von Licht, Kontrasten, erlebten Gefühle zwischen Frust und Lust. Ich drehe immer weiter, bis zum Aufwachen. Das war, in diesen Dimensionen gemessen, einer meiner längsten Flüge.

14. Mai 2012

Rock'n Roll


Der Flug begann mit Rock’n Roll, ganz unterwartet. Die Luft über dem Schwarzwald kochte. Und ich nutzte die Gunst der Stunde, obwohl ich noch nicht wirklich eingeflogen war in dieser Saison. So hoch standen die Wolken, dass ich mich mühelos in die Hügellandschaft traute, die aus dieser Höhe eher flach wirkte. Wie immer ein faszinierendes Spiel mit der Perspektive.
Voran, voran, das war mein Refrain. Ich querte den Schwarzwald Richtung Freiburg, flog knapp an der Westkante über Offenburg nach Baden-Baden. Jeder Fleck Landschaft unter mir, den ich noch nie oder noch nie aus dieser Perspektive gesehen hatte, entlockte mir Freudenrufe und ein Hochgefühl. Genau das wollte ich: nicht nur Kilometer abspulen und in abstrakte Punkte und Listenplätze umwandeln, sondern neue Horizonte entdecken. Mit diesem Flug war ich mal wieder auf den Geschmack gekommen.
Schon war der Schwarzwald im Norden zu Ende und lief aus. Ich hatte kaum gemerkt, wie ich ihn überflogen hatte. Kurz vor Pforzheim wendete ich und peilte dann die Albkante an. Diesmal hatte ich dann den Schwarzwald als Kulisse in einiger Entfernung. Ein Flug, der mir unerwartet viel Leichtigkeit brachte und so ging es dann weiter.
Gleich am nächsten Tag, einem Montag, saß ich wieder im Flieger. Ich hatte einige Termine umsortiert, was nicht ganz einfach gewesen war, aber ich wollte einfach fliegen. Es war total blau. Aber was für ein Blau! Es ging hinauf in Höhen, von denen ich sonst nur zu träumen gewagt hätte. Was für ein Fliegerfrühjahr hier über meiner Wahlheimat. Erst fliege ich träge vor mich hin, dann packt mich der Rausch. Ein Muster, das ich inzwischen kenne. Erst muss ein Ziel gesetzt werden, dann geht es richtig los!
Ich fliege immer wieder auch tiefer und nutze die Zeit, mir die Landschaft einzuprägen. Ein kleiner Schatten über einem größeren Waldstück erregt meine Aufmerksamkeit. Es ist der Schatten einer Wolke, die kaum als solche zu erkennen, sich langsam herausbildet. Ein Lebenszyklus, der für Flieger eine ganz sonderbare Attraktion hat. Der Schatten wird größer, man würde ihn nie mit der winzigen Ansammlung an Wolkigkeit in Zusammenhang bringen, so hoch schwebt das, was einmal groß und mächtig werden wird, über dem Boden. Doch ich lassen meinen Blick nicht los davon, so schön sind Wolkenbild und Bodenschatten.
In diesem Moment muss ich an Hesse denken, wie er zufrieden von seinem Ruderboot erzählt. Er rudert eines Tages auf den See und lässt sich einfach treiben. Ihm ist egal, was die anderen von ihm und seinem kleinen Boot halten. Die Genussfähigkeit ist mit Einfachheit gekoppelt, nicht mit Komplexität. Dieses Bild des rudernden und rundum zufriedenen Dichters, kommt mir immer wieder in den Sinn. Es war einmal das Leitbild, das mich dazu gebracht hat, auf einen UL-Segelflieger umzusteigen.
So einfach wie ein Ruderboot ist dessen Technik dann doch nicht. Mein Motor machte mir beim Start Probleme. Nach der Landung entschließe ich mich zu einem erneuten Probestart. Mit reduzierter Kraft schleppe ich mich in die Höhe, dann geht der Motor nicht mehr aus. Ich erbitte Direktanflug auf die 36 Gras und lande mit laufendem Motor. Da ich in letzter Zeit viele Unfallberichte gelesen hatte, muss ich immer an den Satz denken: „Fliege das Flugzeug“. So lasse ich mich von den Umständen nicht mehr als notwendig ablenken und lande sicher. Der Apis 2 verhält sich auch mit ausgefahrenem Motor völlig unproblematisch. Das schafft großes Vertrauen. Trotzdem muss ich noch am selben Abend nach Mengen fahren und meinen Flieger dort zur Reparatur abgeben. Damit ist dieser Song vorerst einmal zu Ende.

28. April 2012

Meine Welt


Das also ist meine Welt von oben. Sie ist wunderschön und doch bin ich irritiert. Was mache ich eigentlich hier? Ich kreise über dem Feldberg, dort liegt noch Schnee. Heute morgen konnte ich schon auf der Terrasse frühstücken. Vom Wintermantel in das T-Shirt – so ist das im Schwarzwald. Nun blicke ich trotz des dunstigen Wetters weit nach Westen über das Rheintal, das tief unter mir liegt, in Richtung Vogesen. Im Süden schälen sich die Alpen aus dem Dunst, eine Sperrzone, die unüberwindbar wirkt, die es aber für uns Flieger nicht wirklich ist.
Mein kleiner Apis 2 hat sich gut geschlagen. Er hat mich da abgeholt, wo ich ihn beim letzten Flug im September letzten Jahres verlassen musste. Alles fühlt sich so wohlig an, als läge der letzte Flug gerade mal eine Woche und nicht eine unendliche Sehnsuchtsstrecke zurück. Ich gebe Gas und beschleunige am Startplatz der Segelflieger vorbei, die auf das nächste Schleppseil warten. Der Himmel ist blau, mit guter Thermik in Bodennähe ist wohl nicht zu rechnen, also gönne ich mir 800 Meter Steigen aus dem Tank und spüre dann, wie der rechte Flügel zuckt und das Variometer auf gutes Steigen umspringt. Vertrauensvoll fahre ich den Motor ein. Kurz danach herrscht Ruhe und Wohlbefinden.
Das Wohlbefinden will gar nicht aufhören. Angesagt waren 2.300 Meter Basis. Ich aber steige und steige und steige. Bei 2.500 Meter freue ich noch, die Prognose eingeholt zu haben. Aber es geht immer weiter. Für einen Moment fange ich an zu träumen. Was wäre wenn... es immer weiter so ginge? Es ist verblüffend und schön zugleich. Erst bei 3.100 Meter habe ich das Gefühl, dass ich nun zur Abwechslung auch mal Geradeaus fliegen könnte.
Aus diesem Logenplatz wirkt der Schwarzwald wie eine sanfte Hügellandschaft. Der Feldberg erscheint mir als nette Schneekuppe. Nach einigem Suchen reißt mich dort ein Bart mit Spitzenwerten über 5 m/s wieder in Richtung All (so fühlt es sich jedenfalls an).
Ich genieße die vielen Panoramen und bin einfach nur dankbar. Dies also ist meine Welt. Furtwangen sehe ich, ich könnte mit einem kleinen Schlenker nach Norden hinüber gleiten und eine Runde über den Tal-einschnitt drehen, den ich inzwischen gut kenne. Dies also ist meine Welt, die Welt, die es mir in den letzten Wochen immer wieder so schwer machte, zum Fliegen zu kommen. Die mich fast all meine Kraft kostete. Nun liegt sie unter mir, die Konflikte, die mich sonst so quälen sind nur noch Teil des Reliefs, das mir die wunderschöne Kulisse für meinen Ausflug liefert.
Ich fühle tiefe Dankbarkeit in mir. Dankbarkeit für meine liebe Frau, die mir diesen Luxus ermöglicht, die mich heute hat ziehen lassen, obwohl sie sicher auch eigene Pläne hatte. Dankbarkeit für die Gnade, zur richtigen Zeit in der richtigen Weltgegend geboren worden und frei von echten Sorgen zu sein. Und Dankbarkeit für einen der tollsten Berufe der Welt, der mir trotz vielerlei Ärgers doch Freiheiten gewährt. Man redet ja viel von Freiheiten in Bezug auf das Fliegen. Doch allein das Fliegen macht niemanden frei. Es ist eine große Illusion, an die wir alle, die wir dem Virus dieses Sports verfallen sind, glauben.
Während ich über die Notwendigkeit nachdenke, öfter Dankbarkeit zu empfinden und das Privileg unseres Lebens nicht als Selbstverständlichkeit abzutun, drehe ich langsam nach Osten und fliege am Schluchsee vorbei, auf dem viele kleine weiße Segel davon künden, dass nun auch mitten im Schwarzwald der Sommer angekommen ist. Ich freue mich mit den Menschen, die dort unten Brise um Brise vorankommen und gleite, nur von einem Schweizer Supersegler überholt, ruhig in Richtung Bodensee und dann zurück zu meinem Startplatz. Eigentlich möchte ich landen, doch dann packt mich noch ein Aufwind mit einer solchen Wucht, dass ich es kaum glauben kann. Also gebe ich nach und lasse mich einfach mit der Thermik nach oben tragen. So leicht geht das heute, dass ich ernsthaft über den Einbau eines Radios in meinen Apis 2 nachdenke, denn ein wenig Musik wäre hier in 3.000 Meter etwas Feines.
Irgendwann schaffe ich es dann bei dem inzwischen aufgefrischten Wind zu landen und baue meinen Flieger mühelos ab. Auf dem Heimweg finde ich Gelegenheit, das Radio anzudrehen. Die Sonne blendet mich, aber das kann mich nicht stören. Nach einem so schönen Flug fahre ich glücklich wieder in meine Welt. 

14. September 2011

Momento Mori


Ein persönlicher Rekord war es allemal. Noch nie bin ich Mitte September wunderbare drei Stunden bei bester Thermik mit einem Segelflieger in der Luft gewesen. Wie das kam?
Nach dem Aufstehen blicke ich routinemäßig aus dem Wohnzimmerfenster. Am Frühstückstisch scherze ich mit meiner Frau, weil es draußen trübe, neblig und regnerisch ist. Bei diesem Wetter kann ich entspannen, sage ich. Weil du nicht ans Fliegen denken musst, antwortet sie. Soweit, so gut. Den ganzen Vormittag über sitze ich am Schreibtisch und versuche, etwas Vernünftiges zu schreiben. Draußen wird das Wetter besser, aber das merke ich zunächst gar nicht, so sehr bin ich in meine eigenen Texte vertieft. Langsam aber sicher verzweifle ich daran: Es sind zu viele unverbundene Baustellen, das große Ganze wird nicht sichtbar. Ich schiele immer wieder auf die Uhr, mein Magen arbeitet besser als mein Kopf, so ist das nun mal an solchen Tagen.
Wir essen draußen auf dem Balkon. Von dort hat man eine wunderschöne Sicht Richtung Süden über den Hochschwarzwald. Und wenn man sich ein wenig über das Geländer beugt, dann kann man auch Richtung Osten schauen, Richtung Alb, die Sehnsuchtsrichtung. Während ich esse und mir über die Zubereitung des Fleisches und die Gewürze Gedanken mache, registriert etwas in mir, sagen wir, die Gehirnregion, die für Segelfliegen zuständig ist und bei mir besonders ausgeprägt ist, eine Veränderung.
Das ist umso verwunderlicher, als ich offiziell dieser Gehirnregion Urlaub bis zum nächsten Frühjahr gegeben habe. Aber warum sollte ich eine Ausnahme sein, die neuere Hirnforschung hat es gezeigt: das Ich ist eine Illusion. Die entsprechende Gehirnregion kümmert sich nicht darum und meldet mir plötzlich, beim Kauen: Tolles Segelflugwetter! Ja und jetzt? Ich esse doch! Das ist ja komisch, heute morgen Regen und Nebel und jetzt könnte man glatt Segelfliegen gehen, rede ich mehr so für ich dahin, doch natürlich sage ich das auch zu meiner Frau. Du gehst heute fliegen, kürzt sie kommentierend jede nur mögliche Diskussion ab. Doch so einfach ist es ja nicht. Eigentlich muss ich ins Büro, eigentlich habe ich einen Termin mit meiner Assistentin, eigentlich muss ich dies und das tun. Also lege ich mich erst einmal für 10 Minuten auf's Ohr, soll doch das Kissen entscheiden. Wenn ich einschlafe: Pech gehabt, Chance verpasst, ab ins Büro, Ärgern inklusive. Doch ich kann nicht schlafen, obwohl ich hundemüde bin. Ich stehe auf und teile meiner Frau den Entschluss mit, den sie ja schon vorher getroffen hat. Es geht doch nichts über eine gute Arbeitsteilung in der Ehe.
Jetzt beginnt eine andere Zeitrechnung. Und zwar von einem Moment auf den anderen. Diese Zeit hat nur die Zyklen der Wolken im Blick, keine Sitzungstermine oder leere Tonerkartuschen. Ich nehme meinen Grips zusammen und packe ein, was man eben für einen solchen spontanen Flugtag benötigt: Akkus, Geld, Sonnenbrille, Wasserflasche und nicht zu vergessen, die wunderbare Ein-Mann-Aufbauhilfe. Der Hänger steht vor der Tür, in weniger als 15 Minuten bin ich auf der Piste Richtung Flugplatz und schaue ständig den Himmel an, vorbildlich ist das nicht, aber ich kann einfach nicht anders.
Inzwischen klappt das Aufrüsten allein noch wunderbarer, in weniger als einer Stunde stehe ich am Start. Ein Problem muss ich noch lösen. Auf der Fahrt zum Flugplatz hatte ich 10 Liter in einen speziellen Kanister getankt, um Zeit zu sparen. Ich wusste, dass nur noch wenig Sprit im Tank des Apis 2 ist. An der Tankstelle denke ich noch: Bitte nicht vergessen, dass Öl (1:100) in den Kanister zu kippen und dann ganz toll mischen. Und genau das passiert dann in der Eile natürlich! Ich beginne zu tanken, der Sprit läuft in den Trichter. Ich schaue auf die Flüssigkeit und plötzlich macht es Klick in meinem Hirn: die Farbe ist ganz anders. Es fehlt der violette Ton, der durch das Öl kommt. Ich habe das Öl vergessen. Zum Glück hatte ich kaum etwas getankt, vielleicht einen Liter. Ich fahre zum Hänger und hole das Öl. Nochmal gut gegangen.
Mühelos schiebe ich den Flieger alleine auf die Startbahn, Richtung 36. Dort sieht es noch blau aus, die Wolken stehen im Süden. Ich gebe Gas, starte und fliege die normale Platzrunde ab. Schnell steige ich über Platzrundenhöhe, beim Schwenk nach Süden nehme ich eine Wolke ins Visier, meine Eintrittskarte für den Himmel. Der Motor schaltet aus und fährt ohne Probleme ein - wie schnell man sich doch an dieses Wunder der Autonomie gewöhnen kann. Aber ich freue mich doch immer wieder.
Ich bin erstaunt, wie gut die Thermik ist. Mehr noch, sie ist eigentlich fantastisch. Und dann ist alles anders als sonst: Ohne Mühe finde ich heute die Thermik, jede Bewegung der Luft ist spürbar wie eine zärtliche Hand auf der Schulter, mal rechts, mal links. Ruhig und stetig geht es nach oben, keine Turbulenzen ärgern mich, das Vario steht ruhig auf einem Wert, ein Meter, zwei Meter pro Sekunde. Nicht berauschend, aber das hatte ich nicht erwartet.
Überhaupt habe ich heute gar nichts erwartet, vielleicht ist dies das ganz große Geheimnis. Wer morgens aufsteht und sich über schlechtes Wetter freut, weil der dann den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen kann, der kann nachmittags schon mal völlig aus dem Häuschen sein, wenn er plötzlich tolle Thermik und eine super Basis antrifft. Und das völlig ohne Mühe.
Ich bin total entspannt. Noch beim Frühstück habe ich verkündet, dass genau das im Moment unmöglich sei. Zum ersten Mal in diesem Jahr lehne ich mich entspannt zurück und lasse mich in den bequemen Sitz des Apis 2 fallen. Zum ersten Mal lockern sich meine Füße, die sonst streng in den Rudern stehen. Zum ersten Mal greife ich den Knüppel dauerhaft locker mit nur zwei Fingern. Denn es geht ja so mühelos. So ungestört (keine bekloppten OLC oder Wettbewerbsflieger, die mich über den Haufen fliegen). So harmonisch, als wenn der Apis 2 und ich uns erst jetzt richtig verstehen würden und wir bislang nur über einen Übersetzer kommunizieren konnten, der alle meine Wünsche zwar im Prinzip richtig, aber dann doch eben ein bisschen falsch interpretierte. Wir verstehen uns und ich fühle mich wohl. Ich könnte die Augen schließen, wenn das nicht unpassend beim Fliegen wäre und wenn mich das Licht nicht so sehr in den Bann ziehen würde.
Die Luft ist heute rein und klar. Nur in einem sehr begrenzten Gebiet gibt es tolle Wolken, ich bin heute mitten in diesem Gebiet. Dahinter ist fliegerisches Niemandsland. Im Niemandsland ist der Himmel blau, hier bei mir bilden sich immer bessere Wolken, so dass ich meinen Augen fast nicht traue. Wäre es nicht schon relativ spät (ich bin erst um 3 Uhr nachmittags gestartet), so lockten mich diese Wolken weiter in die Ferne. So aber bleibe ich vernünftig mitten in der Unvernunft, die ein Segelflugtag mitten in der Woche darstellt. Aber sie locken mich, sie rufen mich. Und ich rufe zurück: jetzt nicht, aber wartet, im Frühjahr wird mich nichts halten.
Langsam bilden sich einige Wolkenstraßen. Eine reicht vom Bodensee zum Schwarzwald. Nachdem ich anfangs am Ostrand des Schwarzwaldes gespielt habe, tuckere ich nun unter der Wolkenstraße entlang, zuerst in Richtung Schwarzwald, dann in Richtung Bodensee und umgekehrt. Mein Flarm piepst: Da ist tatsächlich noch ein anderer Segelflieger. Man muss auch gönnen können, solange es keine Horden sind. Irgendwann kreise ich zusammen mit einem Ventus, natürlich auch mit Motor, er fliegt davon, ich bleibe bei den Vögeln.
Die Vögel. Es sind so viele. Überall treffe ich auf Greifvögel, dicht unter der Wolke in knapp 2.000 Meter Höhe. Sie fliegen in Paaren, in Gruppen und wie immer zeigen sie mir ihr Gefieder und ihre Krallen - der Apis 2 muss ihnen irgendwie Angst machen. Das hatte ich ja schon bei anderen Flügen beobachtet. Aber es macht Freude so nah mit ihnen zu sein, auch wenn ich immer auf der Hut bin.
Die Wolken laufen breit, der ganze Himmel scheint nun, es ist 17:30, bedeckt zu sein. Aber natürlich steige ich immer noch unter diesem Wolkenbrei. Ich fliege nach Südosten, Richtung Singen, die Wolke saugt mich fast ein, ich husche durch Wolkenfetzen, bin kurz ohne Sicht, Schwaden rechts, Licht rechts, dort, wo es hell ist, ist Westen, so kann ich die Orientierung nicht verlieren. Und dann rausche ich ins wolkenlose Nichts, hier beginnt das Niemandsland, ich wollte nur mal einen kurzen Blick hinein werfen.
Am Rande des Niemandslandes gibt es noch Wolken, aber diese sind tiefer. So gelingt mir etwas sehr, sehr seltenes. Mit einem Segelflugzeug fliege ich über den Wolken. Es sind die Wolken, die schon zu einer anderen Luftmasse gehören. Viel Zeit (bzw. Höhe) habe ich nicht, um das Niemandsland zu erkunden. Noch ein Blick auf die Quellungen, die aus den Alpen hochschießen, dann mache ich eine Umkehrkurve und fliege langsam zurück zum Flugplatz.
Die Wolkenstraßen lösen sich langsam auf, so langsam, dass ich es zunächst nicht wahrhaben möchte. Aber unweigerlich ruft mich das Unten. Will ich nicht außenlanden, muss ich zurück fliegen. Ich kreise und baue die zwischenzeitlich gewonnene Höhe ab. Gerne würde ich noch bleiben, aber die wenigen Fetzen, die am Himmel übrig geblieben sind, sprechen eine eindeutige Sprache. Dafür fällt das Sonnenlicht wunderschön durch diese Fetzen und Lücken. Wie seidiges Haar, dass glänzt oder wie ein Wasserfall, der aus unendlicher Höhe herabrauscht. Es ist so schön und es macht mich gleichzeitig so traurig. Der ganze Himmel ist ein einziges 'momento mori'. Der Verfall der Wolken mag physikalische Ursachen haben, was ich fühle, ist die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit.

26. August 2011

Abschied vom Sommer

Auf der Heimfahrt, der Hänger schnurrt schön hinter meinem Auto, schalte ich das Radio ein. „Machen Sie etwas aus diesem Tag, es ist ein schöner Sommertag, ab morgen wird es herbstlich“, rät der Moderator. Genau das habe ich getan. Es war ein schöner Tag am Flugplatz und in der Luft. Ich bin zufrieden, ich bin ruhig. Die vergangenen Wochen, die Enttäuschungen, schon relativieren sie sich. Die warme, schwüle Luft macht mich träge, lässt mich vergessen. Aber für ein paar Tage nehme ich diese Trägheit gerne an. Morgens schon in kurzer Hose auf dem Balkon frühstücken, barfuß über die kühlen Fließen laufen, meine neue Sonnenbrille als ständiger Begleiter – dieser Spätsommer verwöhnt uns alle.

Gestern entschied ich mich gegen das Fliegen. Als ich Zeit hatte, war es schon recht spät, 14 Uhr. Aber heute sollte der fliegerische Abschied vom Sommer auf dem Programm stehen. Nach dem Frühstück gebe ich noch ein Interview für einen Radiosender, dann räume ich meine Körbe mit den Batterien und den anderen Utensilien ins Auto. Nicht zu vergessen, die „Ein-Mann-Aufbauhilfe“ (welch' ein schönes deutsches Wort!).

Es sollte blau werden, soviel wusste ich aus dem Wetterbericht, der Rest sagte mir ein Blick nach Osten, in den Himmel. Macht nichts. Ich war nicht mehr darauf aus, große oder kleine Strecken zu fliegen, ich wollte einfach nur: fliegen! In aller Ruhe baute ich meinen kleinen Apis 2 auf - der übrigens nicht kleiner ist, als andere Segelflugzeuge, sondern nur so wirkt, warum, das weiß ich auch nicht. Und siehe: es ging sogar schneller als sonst, niemand schaute, niemand griff ein. Ich war zufrieden, zog den Flieger an den Start und fuhr dann das Auto an das andere Ende der Piste, da klar war, dass der Wind eher noch zunehmen würde - eine Gegenlandung war heute nicht drin. Es war sowieso noch recht früh, ich freute mich darauf, zu Fuß um den halben Flugplatz zu laufen. Immerhin war dann das Auto dort, wo ich es nach der Landung brauchen würde.

Nach dem Start suchte ich zunächst vergeblich nach der unsichtbaren Thermik, der Motor musste zum zweiten Mal angeworfen werden. Beim ersten Mal hatte ich ihn in zu niedriger Höhe ausgemacht. Die Blauthermik war so nicht gut zu fassen. Nun aber, beim zweiten Anlauf, klappte alles, ich fand einen Aufwind und los ging es. Mehr als ein wenig spielen wollte ich heute ja nicht. Also kreiste ich mal über dem See im Süden des Platzes, mal über der Stadt. Die Thermik war recht ordentlich und mein Apis 2 lag erstaunlich ruhig in der Luft. Heute hatte ich, wie auch schon beim letzten Flug, den Eindruck, dass ich mir den Flieger langsam angeeignet hatte. Fliegerisch – denn in meinem Besitz war er ja schon länger. Aber es sind zwei so ganz unterschiedliche Dinge, ob man eine Sache nur besitzt oder ob man auch von ihr ergriffen wird, sie kennen lernt, mit ihr vertraut wird.

Nun ist mir genau das doch noch, am Ende der Saison, ein paar Tage bevor ich nach Italien fliegen werde, gelungen: Ich vertraue dem Flieger, ich kann mich für seine Einfachheit und zugleich seine Besonderheit begeistern. Während des Fluges probiere ich ein wenig bewusster, wie man am Besten kreist, experimentiere mit unterschiedlichen Querneigungen und Ruderabstimmungen. Dabei erinnere ich mich, wie lange es gedauert hatte, bis ich mit meinem Astir oder mit meinem Mini Nimbus vertraut geworden war. Erst am Ende der ersten Saison, nach fast 100 Flugstunden, hatte ich das Gefühl, das wir beide, Flieger und ich, Freunde geworden waren. Man braucht Zeit, um sich auf einem „Muster“ einzufliegen - und diese Zeit hatte ich dieses Mal kaum.

Im Westen konnte ich das große Gewitter sehen, das angekündigt war und das den Herbst bringen sollte. Noch war es weit weg und ich konnte weiter spielerisch fliegen, mich am Glitzern des Sees erfreuen, am Blick aus dem Cockpit, am Gefühl, in kurzer Hose bei diesen Temperaturen zu fliegen, an den Schattierungen der Felder, von denen einige schon umgepflügt waren. Sehnsucht kam in mir auf, nach dem Frühling und den gelben Rapsfeldern, die ich bei den ersten Flügen aus der Luft bewundern konnte und die ich so sehr liebte. Die Erde wirkte nun bräunlicher, in der Tat, der Herbst war im Anmarsch. Erst als die Luft böiger wurde, beschloss ich zu landen.

Eigentlich wollte ich über dem See eine Kurve in Richtung Flugplatz machen, doch genau dann, als ich mich entschlossen hatte, zu landen, erwischte ich den besten Aufwind des Tages. Das Variometer piepste hell und gleichmäßig. In diesem Moment beschloss ich, dass es dieser Ton sein sollte, mit dem ich die Saison beschließen würde. Ich wollte nicht einfach nur landen, ich wollte mir diesen Ton fest einprägen, um mich in den nächsten Wochen und den ganzen langen Winter über daran zu erinnern. Dieser Ton sollte der Lockruf sein, der mir half, mich auf das Kommende zu freuen.

Nun sitze ich auf meinem Balkon, das Gewitter hat uns erreicht, die Böen beuteln die Bäume vor dem Haus, es fängt an zu regnen. Noch immer habe ich den gleichmäßigen Ton des Variometers, das Konzert des Steigens, im Ohr. Noch immer bin ich beseelt von diesem zwar kurzen, dafür aber umso wichtigeren Flug. Mir hätte etwas gefehlt, wenn ich ihn nicht gemacht hätte. So fühle ich mich ein wenig vollständiger - als Flieger, vor allem aber als Mensch. Nun kann ich die Dinge so sein lassen, wie sie sind. Und mich einfach dankbar freuen.