2. Juli 2013

Komfortzone


Auto ausladen, Essen, duschen, Batterie laden, schreiben – das ist die Reihenfolge, die sich immer nach einem Flugtag wiederholt. Fast, als würde die Maslowsche Bedürfnispyramide von unten nach oben abgearbeitet. Dann also mal los.

Wie immer freue ich mich am meisten auf den Start. Der Eigenstart symbolisiert für mich, das, was in den letzten Jahren passiert ist. Man kann sich ärgern über fehlende Gleitpunkte. Aber ich freue mich jedes Mal wieder über das Gefühl, das entsteht, wenn ich den Gashebel vorschieben – langsam, damit der Apis 2 nicht auf die Nase geht – und sich dann mein Gefährt beschleunigt, immer schneller wird, die Flügel stehen parallel zur Piste, und dann hebe ich aus eigener Kraft ab und steige in den Himmel. Sicher, nicht wie eine Rakete, aber so, dass es sich gut und sicher anfühlt.

Das kann nicht jede Startart von sich behaupten. Vor dem Start erreicht mich die Nachricht, höre das am Tag zu vor ein Segelflieger tödlich an der Winde verunglückt ist. Wann wird denn dieser Wahnsinn endlich mal verboten? Wie viele Menschenleben müssen noch „geopfert“ werden, bis erkannt wird, dass „preiswert“ nicht immer der alleinige Maßstab ist.

Nur mühsam bekomme ich Anschluss, ich bin wohl zu früh gestartet. In den Schwarzwald komme ich heute wohl nicht. Nach und nach bauen sich über der Baar und Alb größere Wolken auf, die verheißungsvoll wirken. Doch bevor ich in die Komfortzone komme, sinke ich am Alb-Rand noch mal sehr, sehr tief. Aber ich schaffe es, mich nach oben zu arbeiten. Der Motor bleibt drinnen. Ich entwickle Ehrgeiz – und freue mich wie ein Kind, als die Welt, die ich schon fast aus Spaziergängerperspektive gesehen habe, unter meinen Schwingen immer kleiner und kleiner wird.

Ab diesem Moment befinde ich mich für den Rest der Himmelsstunden in der Komfortzone. Die Basis steigt immer weiter (wer Zahlen braucht: 2500 Meter N.N.), es bilden sich wunderschöne Wolkenstraßen, denen ich kinderleicht folge. So komme ich auf der Alb eine ganz gute Strecken herum, sehe vieles, Täler, Einschnitte, Flüsse, Klöster, Siedlungen. Einmal in der Komfortzone angelangt, öffnet sich der Block, nicht nur optisch. Ich entspanne. Versuche die Sitzung zu vergessen, die ich heute schwänze um hier oben zu sein. Sogar die anderen Segelflieger, die mir begegnen sind mir heute, in der Komfortzone, willkommener als sonst.

Ich kreise, versuche meinen Flugstil zu verbessern und freue mich doch letztlich daran, einfach hier zu sein, die Landschaft zu genießen, ja, das ist der Bodensee, das sind die Alpen, alles ist so nah auf einmal. Da ich mich nicht zur Rückreise entschließen kann, fliege ich nochmal zurück, steuere eine Wolke an, nur weil diese so wunderschön geformt ist, nun will ich es wissen. Küss mich Wolke oder lass es. Sie küsst mich und ich bin wieder „im Himmel“, was für eine Wonne!

Langsam muss ich dann doch zurück, denn von Südwesten schleicht sich ein großes Gewitter heran. Es ist schon sehr dunkel dort. Ich „gebe Gas“, d.h. ich fliege schnell, am Ende betätige ich die Bremsklappen um schneller nach unten zu kommen. Denn ich will meinen schönen Apis 2 weder im Regen noch bei Böen abbauen. Alles geht gut.

Jetzt habe ich gegessen, geschrieben. Nun muss ich noch arbeiten. Zum Ausgleich für die Stunden in der Komfortzone. Mit Maslow hat das alles aber nichts zu tun, wenn ich ihn richtig verstanden habe.

6. Juni 2013

Bremsklotz


Ich habe dann doch schon ein paar Flüge gemacht. Meist im Schwarzwald, meinem neuen Revier. An dieser Landschaft kann ich mich nie satt sehen. Immer fällt mir das – wie ich meine – schönste Wort der deutschen Sprache ein: Augen-Weide. Diese Landschaft ist eine Augenweide. Das Auge wird satt vor lauter Schönheit.

Doch heute zog es mich auf die Alb. Lange war ich dieses Jahr nicht zum Fliegen gekommen. Es waren zu viele Vorträge und Reisen. Es war schön, aber Fliegen ist eben noch schöner!

Also endlich! Ein tolles Juni-Wetter. Alles könnte so gut sein. Aber dann finde ich nicht die Thermik, die ich brauche. Ich „saufe ab“, wie die Segelflieger das nennen. Also starte ich den Motor, ärgere mich pflichtbewusst und bin bald wieder dort, wo die Komfortzone beginnt.

Doch was ist das? Als ich den Motor einfahren will, dreht der Propeller immer weiter. Ich kann ihn nicht stoppen. Schließlich fährt der Motor doch mit (minimal) schrägstehendem Propeller ein und knallt auf die Motorraumklappen. So hängt also dann der Motor, in 20 Grad-Stellung und fährt nicht ein. Da die Thermik gut ist, fliege ich einfach so weiter. Was soll ich auch sonst machen? Ausfahren bringt nichts, das wäre noch mehr Luftwiderstand. Einfahren geht nicht. Bliebt nur Weiterfliegen.

Genau das mache ich also. Noch mehr als 4 Stunden. An dieser Stelle kann man den Konstrukteur nur ein großes Kompliment machen! Kein Stress kommt auf. Es ist, wie mit einem Auto zufahren, dessen Kofferraum ein wenig offen steht. Es rauscht, aber ich fliege weiter. Das Eigensinken liegt bei rund 1,4 m/s, also muss ich mich anstrengen, knackige Aufwinde zu finden. Aber an diesem Tag „fliegen Scheunentore“ – also fliege auch ich mit meinem Bremsklotz weiter durch die Gegend. Der Bremsklotz schult meine Wahrnehmung, ich fliege sauber und gebe mir Mühe.

An diesem Tag aber reicht es auch für Flieger mit Bremsklötzen. Ich rausche mühelos unter Wolkenstraßen dahin und finde am Abend meinen Weg wieder nach Hause. Ein super Flug – nur muss ich jetzt direkt nach Mengen. Denn immer möchte ich mich Bremsklotz nicht fliegen, so spaßig ist es dann doch auch nicht. 

3. April 2013

Schichtbilder



Der erste Flug des Jahres soll ein kurzer sein. Er dient nur der Überprüfung des Motors. Uli hat sich seiner angenommen. Erst nach einem ganzen Winter verstehe ich, was bei meinem letzten Flug in der Saison 2012 schief lief. Es gab einen Ruck und dann war das Steigen so gut wie halbiert. Gut, dass die Piste in Donaueschingen so lang ist. Irgendwie habe ich mich hochgekrabbelt und bin sogar noch schön geflogen. Aber so richtig wohl war mir dabei nicht.

Derart musste ich den Flieger einpacken. Es war Ende August, ich hätte sicher noch hin und wieder fliegen können. Er wurde erst im Frühjahr in Mengen wieder ausgepackt. Dazwischen lagen sechs verrückte Monate in Wien als Gastprofessor an der dortigen Uni. Alles verlief dort so ganz anders als geplant, gerade das war aber vielleicht die gewinnbringende Lehre. Immerhin habe ich  - neben vielen Artikel – mein neues Buch „Schamland“ fertig geschrieben. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die Diagnose: eine der drei Motorhalterungsschrauben (die obere) hatte sich gelöst und ein paar Umdrehungen gelockert. Der Effekt: durch die Verschiebung des Motors bremst sich dieser am Propellerstopper selbst aus. Steigen adé. Die Schraube war bereits zweimal gebrochen. Immer wurde eine stärkere eingesetzt. Stärkere gab es nun nicht mehr. Ich hoffe, dass nun der bessere Kleber die Schraube hält.

Genau das wollen wir an diesem Tag in Mengen ausprobieren. Es wird sicher kein Tag zum Thermikfliegen. Aber ich will den Flieger nicht mitnehmen, ohne sicher zu sein, dass die Schraube hält.
Uli hält die Fläche, ich rolle auf die Piste. Und dann kommen die Bilder, alte Bilder, Erinnerungen, alles überlagert sich in einem Moment. Da ist das Bild des allerersten Starts in Mengen, den Apis hatte ich gerade frisch gekauft. Meine Frau winkte, sie weinte vor Freude. Da ist das Windrad. Wie damals umkreise ich es einmal und stelle dann abseits des Platzes den Motor ab. Alles klappt super.
Nach weniger als 20 Minuten lande ich wieder. Aber ich bin froh und freue mich auf viele Flüge in diesem Jahr. Ich fahre zufrieden nach Hause.

11. August 2012

Zeitreise


Als ich meinen Hänger öffne, sehe ich einen Jungen auf mich zukommen. Er stand an der noch verschlossenen Halle der Segelflieger und wartete darauf, dass der Fluglehrer und andere Schüler kommen. Wir begrüßten uns und tauschten unsere Namen aus. Dann fragte er pflichtbewusst, ob er mir helfen könne. Ich musste ihn enttäuschen, aber ich plauderte ein wenig mit ihm, um nicht zu brüsk zu wirken. 3o Jahre zogen an meinem inneren Auge vorbei. 30 Jahre einer Entwicklung, über die ich – als Zweifler geboren – in regelmäßigen Abständen rätsele.
Da war der Junge, der Flugzeugmodelle baute und flog, weil die Eltern ihm den Eintritt in einen Segelflugverein verboten hatten. Der begeisterte Mitflieger, dort, wo sich eine Möglichkeit bot – die manchmal JAHRE auf sich warten ließ. Der Befreiungsschlag in einer Flugschule, das ganze Gesparte wird für einen Freiflug auf den Kopf gehauen. Und dann die Jahre der Odyssee durch Vereine an verschiedenen Orten. Es gab Zeiten, da stand ich wie der Junge mir gegenüber auf Flugplätzen und hätte alles dafür gegeben eines dieser Sehnsuchtsobjekte anfassen zu dürfen. Nur um mich der Illusion hinzugeben, dabei zu sein, einer von denen, die die Helden meiner Kindheit und Jugend waren.
Dieser Impuls geht wohl nie verloren. Sonst stünden auf Luftfahrtmessen nicht Menschen um Flugzeuge, die sie bestaunen, in die sie sich setzen, von denen sie träumen. Immerhin das – Träumen – muss erlaubt sein und schützt gegen den Unrat in der Welt.
Mittlerweile ist das Fliegen säkularisiert, seinem Mythos entraubt, der in der Kindheit noch so leicht gepflegt werden konnte, der sich beim heimlichen Lesen von Büchern, nachts unter der Bettdecke, fast von ganz alleine aufdrängte. In der Frage des Jungen, „soll ich helfen?“ klang auch dieses Seltsame „darf ich dabeisein?“ mit , dass ich nur zu gut kannte, weil es für viele Jahre meines Lebens die Sehnsuchtsformel gewesen war.
Auch wenn ich gegenwärtig nicht wusste, wohin mich die weitere Entwicklung fliegerisch bringen würde, war doch wenigstens klar, dass heute ein guter Flugtag auf mich warten würde, also baute ich (allein) auf, solange es noch nicht zu heiß war. Mit meiner neuen Schleppvorrichtung zog ich den Apis 2 an das Ende der Piste. Vor mir war ein Nimbus 4 gestartet, eines dieser Riesendinger, die mit unverhältnismäßig mehr Aufwand doch letztlich nur das Gleiche suchten. Der Motor lief zu meiner großen Freude einwandfrei, so dass ich gut Höhe machte. Im Steigflug erwischte ich einen Aufwind, der mir ein Gesamtsteigen von 4m/s brachte, so dass ich schon bald den Motor abstellen konnte. Beim Einfahren des Motors sah ich Richtung Platz, dort wurde gerade die Winde aufgebaut.
Für heute konnte das Spiel beginnen. Ich flog in dem Bewusstsein, dass dies möglicherweise der letzte Flug für mich in dieser Saison sein würde. Schon bald würde ich in Wien sein und dort meine Gastprofessur antreten. Damit war die Saison für mich dieses Jahr um 6 Wochen verkürzt. Aber der Flug bescherte mir einen angenehmen Abschied.
Die Basis war nicht mehr so traumhaft hoch, wie bei einigen der letzten Flüge, aber der Himmel war klar durch Wolkenbänder konturiert, denen ich blind vertraute und folgte. Der Weg war durch die Windrichtung vorgezeichnet – Osten. Gegen den Wind hin und dann mit Rückenwind zurück war heute die Devise. Ich bewegte mich zwischen den Luftriffen wie der kleine Fisch Nemo auf der Suche nach ein bisschen Glück. Das gute Wetter hatten auch andere bemerkt, mein Flarm hörte sich an, wie ein Alleinunterhalter auf einer goldenen Hochzeit, dauernd machte es Töne, die zwar nicht gut klangen, aber immerhin einen Nutzen hatten. Ich sah zweimal einen Taurus, eine Menge K-8en, einen Califen und eine SB 5. Und natürlich das Übliche an Kunststoffsegelfliegern.
Ein wenig im Zick-Zack ging es über die Alb, wobei ich versuchte, den letzten Artikel, den ich über sauberes Kurbeln gelesen hatte, in die Tat umzusetzen. Hatte ich 45 Grad Schräglage? Kreiste ich in beide Richtungen gleichgut? Nein, nein, also übte ich weiter. Die Landschaft kam mir inzwischen merkwürdig vertraut vor, ein wenig fast empfand ich eine schmerzliche Agonie, weil mich immer das Neue, nie aber das Bekannte reizte. Mein Leben bestand immer im Wandel, das tut es immer, gleichwohl achten wir meistens auf den Wiedererkennungseffekt und viel zu selten auf den Kontrast. Vielleicht war auch das der Grund, warum ich manchmal des ewigen Kreisens überdrüssig wurde und mich nach neuen Landstrichen unter den Flügen sehnte. Mein Gehirn braucht wohl mehr Abwechslung, als ich im bieten kann.
Ich  konnte die Entwicklung der Wolken nicht so richtig einschätzen, aber irgendwie war mir mulmig. Noch standen die Wolken brav aufgebauscht in einer Reihe, aber ich traute dem Frieden nicht. Noch eine Wolken nach Osten nahm ich mir vor und drehte dann über Günzburg wieder in Westrichtung. Diesmal ging alles mit Rückwind viel einfacher. Die Windkomponente macht sich beim APIS 2 einfach bemerkbar – das ist auch der einzige Unterschied zu anderen Segelflugzeugen.
Ich flog an der nördlichen Albkante entlang, die Teck und den Flughafen Stuttgart in Sicht und genoss das wunderbare Panorama dieser Landschaft. Mal ging es besser, mal schlechter, aber nie hatte ich wirklich Mühe, mich wieder hoch zu arbeiten. Wohl auch, weil sich immer mehr Flieger und immer weniger Wolken konzentrierten und so jeden verfügbaren Bart markierten. Denn mein Gefühl war richtig gewesen. Ab halb Fünf bauten die Wolken rapide ab und bald der Himmel bis auf ein paar Fetzen blau. Ich schaffte es aber mühelos, hier und da noch einen Aufwind zu finden und meldete mich dann kurz vor Sechs zufrieden mit dem Tag zur Landung in Donaueschingen, hinter mir eine Zweimot der Swissair im direkten Anflug.
Noch als mein APIS 2 fix und fertig im Hänger verstaut war, herrschte Windenbetrieb. Ich schaute hinüber und dachte an meine Zeit als Flugschüler zurück. Manchmal hatte ich zwölf Stunden auf dem Fluggelände verbrachte, für einen dreiminütigen Start. Ich wünschte dem Jungen, der mir am Morgen hatte helfen wollen, mehr Glück und ein zeitgemäßeres Ausbildungskonzept. Bei einem aber war ich mir sicher: Das sehnsuchtsvolle Streben wird sich nie ändern, nur in immer wieder neuer, verkleideter Form auftreten.

28. Juli 2012

Donnerwetter


Zusammen mit meiner Frau sitze ich abends auf Klappstühlen mitten in der Natur des Schwarzwaldes und betrachte den Sonnenuntergang drüben hinter den Vogesen. Es ist unser Lieblingsplatz gleich hinter dem Alteck, man blinkt genau auf den Kandel. Viel schöner kann Landschaft, kann Leben kaum sein. Wir bemerken gar nicht, dass vom Feldberg her ein Gewitter heranzieht. Aber wir bemerken den wütenden Bauern, der mit Frau und Kind angefahren kommt, um uns zurecht zu weisen. Wir stünden auf seinem Grundstück und würden das Gras platt machen. Zum Glück interessiert sich die 16 Monate alte Tochter für unsere Chips und bringt das Eis zum Schmelzen. Nach einer Stunde Plauderei sind wir fast schon Freunde geworden.
Tagsüber flog ich genau über diese Landschaft, es hat ein Schwarzwald-Tag werden sollen. Diesmal war ich ausgeschlafener und wusste schon, wie ich auf dem Acker hinter der Schwelle meinen Flieger aufbaue. Ich musste den kleinen Zweitakter 12 Minuten schnurren lassen, um die erste Wolke am Rande des Schwarzwaldes zu erreichen. Beim Aufrüsten hatte ich noch Zweifel, so wenig Wolken, so schiefe Wolken. Ich musste mehr arbeiten, als am Tag zuvor. Vielleicht war dieser Flugtag der Abspann zum „großen Kino“ von gestern?
Doch dann wurde es immer besser. Die Wolken bauten sich auf, der Wind kam nur schwach von Süden. Und die Wolkenuntergrenze stieg und stieg, immer wieder kratzte ich bei einer Basis von 2700 Meter an der FIR Zürich oder Langen. Tief ging heute nur, wenn man sich absichtlich zu lange im Saufen aufhielt. Zwar ging es nicht so bequem geradeaus wie am Tag zuvor, dennoch fand ich immer einen Aufwind, der mich ein paar Stockwerke höher hiefte.
Zwischendurch bildeten sich grandiose Wolkenstraßen, dunkle Wolkendächer, unter denen ich mich fühlte, wie ein Tiefseetaucher. Einmal musste ich sogar aus der tragenden Linie ausscheren, sonst wäre ich ruck zuck in der Wolke gefangen worden. Selbst mit gerade noch zulässiger Geschwindigkeit hatte ich im Geradeausflug noch Steigen. Hier zeigte der Flieger seine Grenzen, mit einem Segelflieger normaler Bauart hätte man dieses Steigen sicher noch „wegdrücken“ können. Aber soll ich mich darüber ärgern, wenn es doch wieder an jeder Ecke noch oben geht?
Nur ein paar wenige Flieger waren heute unterwegs, die meisten hatten wohl das Wetterfenster unterschätzt. So konnte ich entspannt fliegen, ohne ständig auf die Testesteron-Bomber zu achten. Der Tag verging in tragender Stimmung, so könnte es jetzt noch ein paar Wochen weitergehen. Das erste Mal seit langem fühlte ich mich in Urlaubsstimmung. Zwar war das fliegbare Fenster deutlich kleiner als am Tag zuvor, aber für genussvolles Gleiten über Schwarzwald und Baar reichte es allemale. Und dann dieses Basishöhen! Ich konnte es kaum glauben, freute mich aber über dieses ideale Apis-2 Wetter.
Nur der Rückflug wurde etwas arbeitsamer. Über dem Schwarzwald regenete es bereits, vor mir hatte sich bereits alles, was mich heben könnte aufgelöst bzw. zu dunklen Fetzen zusammen geschoben. Mit nur 300 Metern über Gleitpfad (ohne genauen auf den Apis 2 abgestimmten Endanflugrechner) wollte ich – aus Norden kommend – nicht über Villingen gleiten. Zumal bei ca. 20 km/h Gegenwind. Aber dann fand ich, dank der hervorragenden Steigeigenschaften des Apis 2, doch noch einen Aufwind, schwach zunächst, weniger als einen halben Meter Steigen pro Sekunde. Dann aber einen „runden“ Meter. Das reichte, um dann mit Speed zurück nach Donaueschingen zu zischen und dann mit voll gezogenen Klappen einen eng gekurvten Gegenanflug zwischen zwei landenden Motormaschinen hinzulegen, der direkt vor meinem Hänger endete.
Nun könnte mein Urlaub beginnen, dachte ich beim Abledern der Flächen. Wenn ich nicht so viel zu tun hätte. Aber ich versprach mir, nun noch jeden fliegbaren Tag mitzunehmen. Schließlich brauchte ich auch Energie für meine Projekte.
Zum Abschied sagte uns der Jungbauer, dass wir Glück gehabt hätten. Wäre sein Vater gekommen, er hätte richtig mit uns geschimpft, es hätte ein Donnerwetter gegeben. So aber rollte nur das Donnern und Blitzen vom Feldberg herüber. Wir stauten noch eine Stunde auf unserem Balkon, bevor es dann zu regnen begann und wir ins Bett gingen.

26. Juli 2012

Großes Kino


Wenn in Hollywood ein Film ein Kassenschlager werden soll, dann benötigt dieser drei Zutaten: eine gute Idee, eine spannende Dramaturgie und eine perfekte Lichtsetzung. Diese drei Elemente hatte ich heute auf meinem Flug ebenfalls mit an Bord.
Die Idee, Fliegen zu gehen, war erst einmal nicht so gut. Ich hatte die halbe oder gefühlt die ganze Nacht nicht geschlafen. Das eine oder andere Würstchen oder Steak des Grillabends lag wohl noch schief. Da half auch kein Tobinambur („Rossler“), mein Lieblingsgift aus dem Schwarzwald. Also versuchte ich einfach entspannt dazuliegen und zu warten, bis die Nacht vorbei ging. Was nicht einfach ist, wenn man weiß, dass am folgenden Tag ein guter Flugtag angesagt ist. Für den man eigentliche ausgeschlafen sein sollte.
Ich stand also einfach auf, machte mir einen starken Kaffee und packte alles Notwendige für einen Flugtag ein, ohne die letzte Nacht weiter zu thematisieren oder nachzudenken, ob ich besser Veganer werden sollte. Mittags war ich in der Luft. Alles klappte gut, der autonome Aufbau selbst auf dem Acker hinter der Piste 18, der Start mit dem neu eingestellten Vergaser. Nur drei oder vier Minuten lief der Motor, gleich nach dem Abheben wurde das Eigensteigen durch einen kräftigen Bart unterstützt, der mir 4,5 Meter pro Sekunde Gesamtsteigen auf das Variometer zauberte.
Damit sind wir bei der Dramaturgie. Diese lässt sich einfach zusammenfassen: Wolken, große Wolken, Wolkenstraßen. Ein Traum. Kaum Wind – ein perfekter Tag für den Apis 2. Die erste Wolke nach dem Einfahren des Motors kreiste ich bereits auf über 2000 Meter aus, dann ging es immer nur weiter gerade aus Richtung Osten. Auch das gehörte zur Dramaturgie: heute war ein Alb-Tag. Im Delphin-Flug das Steigen mitnehmen, unter langen dunklen Wolkenstraßen dahingleiten. Ich flog bis zur Grenze des gelben Bereiches, immer mit 140 km/h zwischen den Steiggebieten. Bei dieser Höhe heute war das kein Problem.
Immer wieder ballten sich Wolkentürme auf, versperrten Weg und Sicht, spielen mit ihrer Kraft. Entweder fielen sie wieder zusammen, oder sie verbanden sich mit anderen Kraftprotzen zu noch größeren Türmen. Und damit sind wir beim Licht. Ich wusste den ganzen Tag nicht, ob ich mir beim Kappe tief ins Gesicht ziehen sollte um mich vor dem gleißenden Licht auf freier Strecke zu schützen oder ob ich eine Leselampe im Cockpit anmachen sollte, weil es unter den prallen Wolken so dunkel war.
Hinter dem Nördlinger Ries waren die Wolken nicht mehr freundlich sondern bedrohlich. Schweren Herzens kehrte ich um, nicht ohne einen kleinen Schwenker über den Hornberg zu machen. Zuerst überkam mich ein wenig Wehmut und Nostalgie, ich musste an die vielen Wochenenden und Sommer dort denken, an meine Frau und unseren alten Wohnwagen. Doch dann freute ich mich auch, dass es weiter ging, das Leben Entwicklung sein durfte. Ein paar geheime Gedanken, die ich nur mit meiner Frau teilen werde, schossen mir über unsere gemeinsame Zukunft durch den Kopf. Und dann war der Hornberg schon wieder verschwunden.
Der direkte Rückweg wurde mir von einer überentwickelten Wolke versperrt. Nicht das erste mal fand ich heute Steigen im Regen, kurvte dann aber doch nach Norden um das Ungeheuer sicher zu umfliegen. Ich stolperte in Riesenhöhe aus der Alb, sah aber, dass ich den Schwarzwald nicht erreichen würde. Dort regnete es bereits. Später stellte ich fest, dass mir meine Frau eine besorgte Nachricht auf meine Mailbox gesprochen hatte. Sie hatte befürchtet, dass ich unterwegs irgendwo vom Regen aus dem Himmel gespült worden wäre.
Aber nein, es lief gut. Sehr gut sogar. Noch immer steig die Basis. Es würden dann später 400 km gewesen sein, nach OLC vielleicht auch 450. Aber das spornte mich im Moment nicht an. Das war nicht mehr meine Welt, wenngleich ich ab und zu in diese blickte - aber eher, um die Leistungsfähigkeit des Apis 2 zu dokumentieren. Ich war fasziniert vom großen Kino um mich herum, dem Himmelskino. Ein Programm, nach dem wir alle mehr oder weniger süchtig sind, wenn wir einmal mit dem Fliegen begonnen haben. Das große Kino, das ins Herz geht und in den Kopf, vielleicht auch in die Seele, sollte es diese tatsächlich geben.
Ich war hundemüde und hatte große Probleme mich aufgrund des Schlafmangels zu konzentrieren. Es gab keinen Horizont, weil die Sicht so schlecht war. Mein Wassersack war ausgelaufen und ich saß hier oben in einer kalten Pfütze. Und dennoch könnte ich mir diesen Film immer wieder ansehen, er würde mich nie langweilen. In einem letzten schnellen und ruhigen Gleitflug durchstach ich die letzte dunkle Wand, die mich noch von meinem Heimatflugplatz trennte und schwebte in einem Meter Höhe über die lange Piste von Donaueschingen um dann fast direkt vor meinem Hänger zum Stehen zu kommen. Das große Kino war vorbei, das Kino im Kopf fängt damit aber erfahrungsgemäß an. Nach diesem Film werde ich sicher gut schlafen.