Meine Ausgangsfrage sind denkbar einfach: Was hat sich in unserer Gesellschaft derart verändert, dass es möglich ist, von Langeweile in Bezug auf das Segelfliegen zu sprechen? Was verbirgt sich hinter diesem Phänomen? Ist damit wirklich Langeweile gemeint oder eine andere Form von Sättigung? Letztlich geht es mir darum, die Welt des Segelfliegens neu zu beschreiben. Mythen, Geschichtsbücher des Fliegens, Dokumentationen sind hierbei meine Hintergrundfolie, doch ich werde eine neue, kritische, eine zeitgemäße Einordnung vornehmen. Etwas hat sich verändert – so könnte man in wenige Worten meine Grundthese zusammenfassen und dieses „Etwas“ möchte ich näher untersuchen und versuchen zu erklären, was man daraus über die Gesellschaft, in der sich eine derartige Veränderung vollzieht, lernen kann.
In vielen Interviews und Gesprächen mit Fliegern vor und nach dem Flug oder an Tagen mit schlechtem Wetter ist mir immer wieder die allgemeine Sprachlosigkeit der Segelflieger ausgefallen. Kaum einer, der seine Erlebnisse (aus denen das Fliegen besteht) in adäquate Worte fassen könnte. Es gab überhaupt in der gesamten Geschichte der Fliegerei nur sehr wenige, die dem Fliegen auch eine sprachliche Qualität abgewinnen konnten. Den meisten fehlen einfach die Worte. Das ist aus meiner Sicht doppelt dramatisch. Erstens, weil viele ohne jeden Zweifel überdurchschnittlich schöne Erlebnisse beim Flug ohne Motor haben. Dramatisch daran, ist, dass diese Eindrücke durch die allgemeine Sprachlosigkeit für immer verloren gehen. Für den Flieger, der diese Erlebnisse hatte und auch für alle anderen, Freunde, Bekannte, Angehörige, die diese Erlebnisse vielleicht über den Umweg der Versprachlichung teilen könnten. Zweitens aber besteht das Drama darin, dass die Kommunikation über das Wesen des Fliegens immer weiter verflacht, die Sprachlosigkeit von Fliegergeneration zu Fliegergeneration weitergeben wird und sich neue stilbildende Ausdrucksformen der Erlebnissicherung herausbilden, die sich dann in der Folge ihrer Verbreitung und Akzeptanz normativ, d.h. mehr oder weniger verbindlich auswirken. In der Folge ist es den meisten Fliegern dann gar nicht mehr anders möglich, das im Flug erlebte anders auszudrücken, als auf diese oberflächliche Weise. Aber was heißt in diesem Zusammenhang oberflächlich?
Die Durchdringung der Erlebniswelt des Segelfliegens kann man seit vielen Jahren an der OLC-Bewegung erkennen. Bei diesem dezentralen Wettbewerb laden allabendlich Streckenflieger die Geokoordinaten auf eine Internetplattform, die ihren eigenen Flug dokumentieren. Anhand der Datenbank lassen sich dann regionenübergreifend Flüge nach den Kriterien Distanz und Durchschnittsgeschwindigkeit vergleichen. Schon in dem Ziel des OLC steckt also das Moment der Oberflächlichkeit. Die Bewegungen auf der Oberfläche (denn das Höher dient ja nur dem Fortkommen und ist insofern für den späteren Vergleich nur mittelbar, nicht aber unmittelbar von Interesse, schließlich zählt ja die Distanz) werden als Datenperlenkette erfasst und gespeichert. So sehr ich für das Speicher aller möglichen Daten bin (eines meiner Forschungsgebiete ist Lifelogging) sosehr zweifle ich an der Richtigkeit dieser Oberflächlichkeit. Aber noch nie zweifelte ich an der Kraft der Sprache. Einer meiner brasilianischen Lieblingsschriftsteller (João Guimarães Rosa) sagte einmal: „Es gibt in dieser Welt keine Fakten sondern nur Geschichten“. Bis heute prägt mich dieses Zitat. Wer keine Sprache hat, braucht Fakten, so kann man den OLC und die damit verbundene oberflächliche Kultur verstehen. Mich interessieren die Geschichten, nicht die Fakten.
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