7. Juli 2010

Solange die Sonne scheint

Solange die Sonne noch scheint, werde ich fliegen! Diesen Satz sage ich mir immer wieder leise vor, um mich zu motivieren. Ich will auf keinen Fall aufgeben. Ich will weiter fliegen! Ich will länger fliegen, als alle anderen. Fliegen ist nicht nur der Sieg über die physischen Grenzen des Menschen, der zum Gleiten in der Luft offensichtlich nicht geboren wurde. Fliegen, das bedeutet vor allem auch den Sieg über selbstgemachte psychische Begrenzungen.

Schon kurz nach meinem Start war mir klar, dass es heute nicht leicht werden würde, beide Grenzen zu überschreiten. Das erste Mal rollte mein Flieger treu der Schleppmaschine hinterher, ohne die üblichen Ausbruchversuche nach links oder rechts zu unternehmen. Irgendwann bemerkte ich dann, dass ich die Wölkklappen irrtümlicherweise auf -7 Grad gerastet hatte, ein Irrtum, der mir den ersten ruhigen Start verschaffte, seit ich versuchte, mich mit diesem Flieger anzufreunden. Ich korrigierte die Stellung der Wölbklappen und nahm daraufhin eine normale Position hinter der Schleppmaschine ein. Diese zog mich makellos sauber, ohne sich weiter um meine Anwesenheit zu kümmern in den Himmel. Dieser war von Cirren-Wolken gezeichnet, was nichts Gutes verhieß. Außer dem Steigen der Schleppmaschine machte ich keine Aufwärtsbewegung beim Blick auf mein Variometer aus. Den Blick konnte ich mir sowieso sparen. Nichts rüttelte, alles war wattig-ruhig, eine Luft, die einen Segelflieger so gar nicht passt. Es sind die warmen Aufwinde, die sich als Böen und Turbolenzen ankündigen, die wir suchen. Wir sehnen uns nach dem Schütteln der Flügel, die, nur scheinbar unwillig kundtun, dass es sich an einer bestimmten Stelle im dreidimensionalen Raum, in dem wir uns bewegen, lohnen wird, zu kreisen. Und dann kreisen wir in dieser warmen Luft glücklich empor.

Davon war heute nichts zu spüren. Enttäuschung machte sich bei mir breit, noch ehe ich hinter der Schleppmaschine ausgeklinkt hatte. Ich hörte, wie sich der Segelflieger, der vor mir gestartet war, in der Platzrunde zur Landung meldete: Abgesoffen. Gleich, so war ich mir sicher, ging es mir ähnlich, eine unumkehrbare Logik würde mich wieder nach unten zwingen. Nicht die Schwerkraft zieht uns nach unten, wie man allgemein sagt, es ist der fehlende Auftrieb.

Obwohl erst kurz nach Mittag, war der Himmel nicht wie sonst voller Licht. Graue, immer dunkler werdende Wolkenschleier zogen von Norden herein. Eine Abschirmung breitete sich aus. Der Name passte: Wie ein Schirm sperrten sich die Wolken zwischen Himmel und Erde. Wie ein Schirm schatteten sie den Boden ab, so dass die Sonne keine Chance hatte, die erdnahen Luftschichten zu erwärmen. Wo sollten hier noch Aufwinde entstehen? Kein Vogel weit und breit, der mir zeigen konnte, wo sich vielleicht doch noch ein schwacher Luftkanal mit warmer Luft befand. Kein Anzeichen für Thermik in Sicht.

Ich klinkte einfach aus und ließ die Schleppmaschine nach links wegkippen. Es hatte keinen Sinn mehr, einfach immer weiter hinter dem kleinen Tiefdecker herzufliegen. Obwohl ich mir sicher war, dass der Flug kaum mehr als 5 Minuten dauern würde, fuhr ich das Fahrwerk ein und stellte das elektronische Variometer lauter. Zu meiner großen Überraschung piepste es, schwach, aber stetig und deutlich. Auch wenn ich es nicht glaubte, hier ging es nach oben. Also versuchte ich, diesen schwachen Thermikbart so gut es ging zu halten. Ich bemühte mich, zu erspüren, wo es nach oben ging. Das war erstaunlich einfach, und ich freute mich darüber, in einem Flieger zu sitzen, der mich mit solch feinfühligen Signalen versorgte. Mal hob sich die Nase leicht, nur um dann, ein paar Meter weiter, wieder zu sinken. Mal zitterte der linke Flügel, nur um sich eine Sekunde später wieder in die Horizontale zu begeben. Dann konnte ich mir, auch ohne Anzeigeinstrument, sicher sein, dass sich an diesen Stellen warme Luft in den Himmel hob, die sich nicht darum scherte, meinen Flieger und mich als Beiwerk mit nach oben zu befördern.

Ich tippte ins Seitenruder, um den Signalen zu folgen. Das Piepsen des elektronischen Variometers zeigte mir, dass meine Reaktion richtig war. Ich versuchte mich in engen Kreisen an den Aufwind anzuschmiegen, von dem ich, obgleich er unsichtbar war, eine räumliche Vorstellung hatte. Immer wieder musste ich das Bild in meinen Kopf korrigieren, weil sich die Natur mehr oder weniger widerspenstig verhielt. Die empirische Welt verhält sich immer widerspenstig unseren Vorstellungen gegenüber, meist glauben wir sogar, die Welt müsse sich unseren Vorstellungen anpassen und nicht umgekehrt. Aber irgendwo in der Mitte trafen sich Vorstellung und Wirklichkeit. Mit einem minimalen, gerade noch anzeigbaren Steigen hielt ich mich in der Luft. Ich vertraute den Gesetzen der Natur. Solange die Sonne schien, musste sich irgendwo Luft erwärmen. Solange die Sonne schien, würde es mir hier oder dort gelingen, meine Kreise so zu fliegen, dass ich mich in der Luft halten konnte.

Und nun sogar das: Ich spürte, wie ich gehoben wurde, es ging also noch. Das Variometer zeigte mir an, dass ich sogar mit zwei Metern pro Sekunde stieg - ein Traum, der nicht lange anhielt. Aber dennoch konnte ich einen guten Meter Steigen gewinnen und fand mich 3 Minuten später 200 Meter höher. Erstmals höher als beim Ausklinken freute ich mich über diese neue Perspektive.

Das war sicherlich kein großer Flug. Keiner, der mich über hunderte von Kilometern über Land führte. Gerade mal 15 Kilometer wird mir mein Logger nach der Landung ausrechnen. Für OLC-Junkies ein Witz! Eine Strecke, die man auch noch als Wanderer an einem Tag bewältigen kann. Aber die Qualität dieses Fluges lag darin, dass ich etwas für mich erreichen konnte, an das ich anfangs nicht geglaubt hatte! Alle anderen Flieger landeten nach weniger als zehn Minuten wieder. Ich aber taumelte wie ein Blatt durch die Luft, in jene Richtungen schwankend, die mir für ein paar Sekunden Auftritt versprachen. Und diese Rechnung ging erstaunlicherweise auf. Und ich freute mich wie ein Kind, das ein Spielzeug findet, das anderen nicht haben.

Der Himmel wurde immer trüber, das Grün der Sommerwiesen immer weniger einladend. Im Schatten verliert sich jeglicher Reiz einer Landschaft. Aber ich wusste, oder ahnte, dass der Boden, der von der Sonne erwärmt worden war, noch nicht alle seine Kraft verloren hatte. Dort war es der Steinbruch, der mich anlockte, drüben ein kleines Dorf, das seine Restwärme abgab. Immer reichten mir die schwachen Luftblasen, die von diesen Stellen abgesondert wurden, um mich in einer erträglichen Höhe über dem Grund zu halten.

Dieses kleinräumige Fliegen schulte das Auge. Ich sah die Landschaft ganz anders als sonst. Ich achtete auf kleinste Details. Auf die Neigung von Hängen, den Bewuchs einer Gegend, die Form eines Tales, die Schroffheit einer Felswand, Treppenstufen in der Topografie, die vielleicht dazu nützlich waren, die Luft in meinem Sinne nach oben umzulenken. Wer so fliegt, wie ich es tat, der sieht fast mit den Augen eines Vogels. Und damit war dieser kleine Flug von dem ich mich nun verabschiede, näher an dem, was Fliegen tatsächlich ausmacht, als die raumgreifenden Flüge, bei denen Strecke um Strecke blind und oberflächlich zurückgelegt wird, weil es am Abend nur auf eine Zahl ankommt, die der Logger ausspuckt und die angeblich die Flüge der einzelnen Flieger vergleichbar macht.

Mein Flug heute war in seiner Einfachheit unvergleichlich. Die Leistung bestand allein darin, dass ich noch flog, während das andere nicht mehr für möglich hielten. Dadurch, dass ich mich „in der Luft hielt“, wie man sagte, wurde ich ein Teil dieser Luft. Das aber, das Verlöschen der Grenzen des irdischen Daseins, das Verschmelzen des Körpers mit dem Himmel, war doch der Traum, aus dem heraus sich einst der erste Mensch in die Lüfte erhoben hatte. Ich war diesem Traum, bei einem äußerlich unscheinbaren Flug, näher als sonst.

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