Endlich! Nach so vielen Wochen des Wartens auf gutes, d.h. fliegbares Wetter, stimmte heute alles: Ich musste nicht ins Büro, der Flieger stand funktionsbereit vor der Türe, das Wetter zeigte sich endlich freundlich. Wie immer vor einem Flugtag, der ein guter oder sogar ein großer sein kann, schlief ich in der Nacht zuvor schlecht. Der zunehmende Mond tat ein Übriges. Wie immer wachte ich viel zu früh auf, schlurfte noch im Schlafanzug in das Wohnzimmer, möglichst ohne meine Frau zu wecken, nur um aus dem Fenster zu sehen und den Himmel zu fragen, was er für diesen Tag versprach. Wie immer: eine Entscheidung des Lichts. Ein Versprechen des Himmels.
Das heutige Versprechen interessierte mich sehr. Ich machte mir einen Kaffee und ein kräftiges Frühstück mit Rühreiern, denn solche Tage werden meist lang. Ich brachte (nicht ganz ohne schlechtes Gewissen) meine Frau ins Büro, damit diese dort ihren Tag verbringen konnte und fuhr dann mit dem Flieger im Hänger nach Donaueschingen. Dort standen schon zwei „Leistungsflieger“ fix und fertig, sie starteten eine Stunde vor mir. Ich musste meinen Flieger erst zusammenbauen.
Einmal hatte ich dies schon alleine getan, beim zweiten Versuch schließlich scheiterte ich. Heute lief es gut für mich. Es war niemand da, der mir dumme Frage stellte, es wollte mir niemand ungefragt Tipps geben, aber auch niemand, der mir helfen konnte. Also war ich auf mich alleine gestellt. Gut so! Ich machte es so wie im Urlaub mit meiner Frau. Die Wasserwaage am Leitwerk machte sich auch heute bezahlt. Steht der Flieger waagerecht, läuft alles wie geschmiert.
Immer mit der Ruhe. Das Wetter ist gut, aber nicht sensationell. Mit dieser inneren Einstellung gelang es mir mühelos, den Flieger aufzubauen. Ich freute mich, heute diesen Tag auf dem Flugplatz bzw. in der Luft verbringen zu dürfen. Schon jetzt sehnte ich mich nach mehr von diesen Tagen. Ich hatte davon dieses Jahr definitiv viel zu wenige erhalten.
Als ich mit allem fertig war, mein Rucksack mit allen Utensilien verstaut war, das Navi angeschlossen, die Flügel abgeklebt, fehlte nur noch, den kleinen Apis 2 an den Start zu ziehen. Ein letztes kurzes Telefonat mit meiner Frau, dann schob ich den Flieger auf die große Piste von Donaueschingen, stieg ein, gurtete mich an, startete den Motor und war gleich in der Luft. Bis dahin hatte ich von niemandem Hilfe benötigt. Dieser nicht unwesentliche Aspekt sollte bei der Beurteilung des Gesamtkonzepts „Ultraleichtes Segelfliegen“ nicht ganz außer Acht gelassen werden.
Ich startete auf der Piste 36, also nach Norden und ich fand sogleich eine Wolke, die ich als ersten Zielpunkt anvisierte. Das geht doch schon gut! Der kleine Flieger scheint einfach steigen zu wollen, wenn man mal die Thermik gefunden hat. Was mir nicht immer auf Anhieb so gut gelingt, wie mit meinem Mini Nimbus, aber vielleicht ist das ja Übungs- und Gewöhnungssache.
Noch ist die Basis niedrig. Dennoch gibt es eine kleine Willkommensfeier mit der Alb. Ich habe diesen gewohnten Anblick richtig vermisst. Wenn man eine Gegend vermissen kann, dann diese. Dort bin ich (im Wesentlichen) in den letzten Jahren geflogen. Noch lange kenne ich dort nicht alles, aber es gibt ein Gefühl von Vertrautheit durch zahlreiche Wiedererkennungseffekte. Dort ein Flugplatz, dort eine Schlucht, das Donautal, mal hier, mal dort, ein Berg, ein Kloster, einfach irgendein Merkmal, dass mir, von den vielen Flügen, bekannt vorkommt. Es ist inzwischen, nach so vielen Jahren der privaten und beruflichen Wanderung ein zartes Gefühl von Heimat. Spricht man nicht auch manchmal von „fliegerischer Heimat“?
Trotzdem muss man ja nicht immer mit seiner Heimat einverstanden sein. Ich liebe den Anblick, aber mir fällt auch auf, dass er heute anders ist als sonst: ich bin sehr niedrig. Dies liegt daran, dass die Gleichung „Wolkenbasishöhe minus Geländehöhe ist gleich Flughöhe über Grund“ heute deutlich zu meinem Ungunsten ausfällt. Es soll einfach noch nicht richtig krachen. Ich schaffe es nicht, die Thermik zu zentrieren. Liegt es an meiner eigenen Unfähigkeit oder schlicht daran, dass die Thermik schlecht ist? Während ich versuche, diese Frage zu klären, sinke ich immer weiter. Die Physik verhält sich völlig indifferent meinen Sorgen gegenüber. Der Zeiger meines Höhenmessers und noch viel mehr der Blick nach unten zeigt mir nach der Formel „Kühe klein = hoch; Kühe groß = niedrig“, dass ich eine Entscheidung treffen muss: Noch eine Wolke testen oder den Motor starten?
Ich entscheide mich für den Motor und ärgere mich. Schon wieder ein Flug, bei dem ich den Motor brauche! Aber genau in diesem Moment blicke ich nach unten. Ein Unten, dass für mich Dank des Motors immer weniger unten liegt. Dort sehe ich einen weißen Segelflieger quer auf einem Feld: Außenlandung. Für diesen Piloten ist der Flugtag zu Ende. Für mich beginnt er gerade. Warum also ärgere ich mich? Was wird er gerade in diesem Augenblick denken, wenn er, nur wenige Meter über ihm, einen anderen Segelflieger sieht, einen, der auch seiner sein könnte, einen, der fast auch hätte außenlanden müssen und der dann dank des Motors rasch wieder an Höhe gewinnt? Wird er mir hinterherfluchen? Wie oft war ich schon in dieser Situation! Ich erinnere mich an einige Außenlandungen: Duo Diskus, Astir, Mini Nimbus. Und oft war es genau so, wie gerade. Nur mit umgekehrten Rollen: Ich saß neben meinem Flieger auf dem Acker und musste stundenlang auf meine Rückholerin warten (die sich schon mal ein Fußball-Länderspiel in aller Ruhe zu Ende ansah, bevor sie losfuhr!), während es über mir in der Luft brummte. Dann hatte jemand seinen Motor ausgefahren, um sich vor genau dieser Situation in Sicherheit zu bringen.
In diesem Moment „verfliegt“ mein Ärger (auch eine sehr schöne deutsche Redewendung). Ich musste nur für einen kurzen Moment die Perspektive wechseln, mich an so manche Situation erinnern, ich der ich fluchte oder gar heulte, weil es mir so ungerecht vorkam. Heute kann ich einfach weiterfliegen. Eine Wonne, Fortschritt.
Ich fliege langsam unter immer fetteren Wolken. Kaum denke ich noch an die Situation gerade, weil beim Fliegen immer etwas die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Nun ist es mein Navi, das piepst und mir anzeigt, dass ich schon recht nahe am Flugbeschränkungsgebiet Stuttgart fliege. Wohl oder übel muss ich mich nun darauf konzentrieren.
Der Schwarzwald ruft mich, heute ist dies die einzig sinnvolle Richtung. Aber der dumme Wind schiebt mich immer wieder in Richtung Stuttgart, so nahe war ich dem Flughafen noch nie. Ich kurble, seufze, sinke, steige wieder, fast könnte man sagen, ich kämpfe, doch dann geht es ganz leicht, die Wolken reißen mich geradezu an sich. Husch, husch, ein paar Wolken weiter, bin ich über Freudenstadt im Schwarzwald. Erinnerungen an meinen ersten Schwarzwaldflug mit dem Apis 2 werden wach. Es war dieser gigantische Tag, ein Tag mit unvergleichlichen Höhen, ein Tag, an dem ich einfach mühelos luftwandern konnte.
Leider sieht es heute ganz anders aus, das Wetter lässt sich nicht im Reisebüro buchen oder im Supermarkt abpacken. Es wird blau, ich muss meine Taktik ändern. Ich weiche über Winzeln dem Schwarzwald aus, der für mich immer höher wird. Einige Flieger kratzen an der Hangkante entlang und sehen aus wie Modellflieger. Zwei Fragen stellen sich immer dringender: Wie weit trägt es mich noch? Und: Habe ich heute Lust zu kämpfen? Nicht weit ist die Antwort auf die erste Frage. Und die zweite Frage stellt sich schon ein paar Minuten später nicht mehr, so eindeutig nicht segelfliegerisch verhält sich das Wetter.
Ich tue etwas, von dem ich in vergleichbaren Momenten immer geträumt habe: Ich starte den Motor und fliege nach Hause. So leicht schreibt sich dieser Satz, aber wer ihn liest kann sich gerne selbst prüfen, was damit alles verbunden ist. Mein Konzept geht nun auf. Es geht sogar noch mehr auf, als ich es mir hätte träumen können.
Eigentlich wollte ich „nur“ zum Flugplatz Donaueschingen zurückfliegen. Aber weiter im Süden scheint das Wetter fliegbar zu sein. Also starte ich kurzerhand den Motor und fliege in das neue Wetterfenster. Alles heute spiegelt mir die Richtigkeit meiner Entscheidung. Alles deutet darauf hin, wie wichtig diese Autonomie für den Genuss ist. Ich habe noch fast zwei Stunden Spaß am Steigen, fliege fast bis an den Bodensee, genieße die Aussicht und später dann, im Gleitbereich des Platzes, den Sonnenuntergang.
Nach der Ladung baue ich den Apis 2 mühelos allein ab. Von nun an, erde ich den Flieger immer alleine auf- und abrüsten. Es ist einfach die beste Methode, die am wenigsten kaputt macht. Auf der Fahrt nach Hause steigen die Bilder in mir auf und ich habe es schwer mich wieder an das Restleben anzukoppeln. Leider gibt es dazu keine Aufbauhilfe.
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